16.12.2025
Wie verändert Künstliche Intelligenz die Ausbildungskultur und welche Kompetenzen brauchen Ausbilder:innen und Auszubildende künftig wirklich? Diese Fragen standen im Zentrum des Vortrags „KI-Kompetenz und EU AI Act für Ausbilder:innen: Werte. Wirkung. Wandel.“, der am 07.11.2025 von den Bildungswerken der Wirtschaft aus Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt organisiert wurde.
Ein hochkarätiges Expertenteam beleuchtete dabei nicht nur die Chancen und Herausforderungen von KI im Ausbildungsalltag, sondern auch die wachsende Bedeutung von KI-Kompetenzen sowie die kommenden rechtlichen Rahmenbedingungen durch den EU AI Act. Astrid Aupperle (Microsoft), Jutta Schneider (Initiative IT-Fitness) und Ben Hansen (Bendigital) gaben praxisnahe Impulse, teilten Perspektiven aus Wirtschaft, Bildung und Recht und stellten sich den Fragen des Publikums. In diesem Beitrag blicken wir auf die zentralen Themen des Vortrags zurück und greifen die wichtigsten Fragen, Anmerkungen und Diskussionspunkte aus dem Austausch mit dem Expertenteam auf.
Ein sinnvoller und verantwortungsvoller Einsatz von KI im Ausbildungsalltag
Jutta Schneider machte deutlich, dass der Einsatz von KI kein Selbstläufer ist. Wer KI sinnvoll nutzen möchte, muss sich Kompetenzen aneignen – vom richtigen Prompten bis zur kritischen Bewertung der Ergebnisse. Sie machte auf folgende Herausforderungen aufmerksam:
Kompetenzaufbau ist zentral: Sie betonte, dass man sich Zeit nehmen muss, um sich „schlau zu machen“, d. h. zu verstehen, wie eine KI funktioniert, wie man mit ihr kommuniziert und was gute Prompts ausmacht.
Sensibles Prompting: Sie warnte davor, die KI einfach als allwissendes Instrument zu benutzen, und weist daraufhin, dass „richtig prompten immer leicht gesagt“ ist. Die KI könne eben auch voller Überzeugung falsche Fakten nennen.
Qualitätskontrolle bleibt nötig: Eine Idee war es, die KI nicht nur generieren, sondern auch recherchieren und Quellen liefern zu lassen. Das kann helfen, den Aufwand für den manuellen Faktencheck zu reduzieren.
Individuelle Lernwege: Sie erinnerte daran, dass Menschen sehr unterschiedlich lernen. Manche durch Lesen, andere durch Dialog oder durch das Arbeiten mit der KI selbst. Der Aufbau von Wissen sei Voraussetzung für echte Kompetenzentwicklung.
Auch Frau Aupperle machte deutlich, dass die KI nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch unseren Alltag verändern wird. Sie sprach sogar von einer neuen Revolution und ist davon überzeugt: „Die KI wird alles auf den Kopf stellen.“ Im folgenden Video erläutert Frau Aupperle, warum der Wandel bereits in vollem Gange ist – und welche Chancen sie für Unternehmen und Gesellschaft sieht.
Videostatement von Frau Astrid Aupperle zum Thema „KI im Alltag und KI-Kompetenzen“
Vielfältigkeit der KI-Herausforderungen auch im Ausbildungsalltag spürbar
In der anschließenden Fragerunde zeigte sich, wie vielfältig die Herausforderungen im Umgang mit generativer KI sind. Neben Fragen, denen sich Frau Schneider bereits innerhalb der eigens genannten Herausforderungen widmete, kamen weitere Fragen zu folgenden Themen auf:
Die 4K-Kompetenzen im KI-Zeitalter: Im Chat wurde diskutiert, wie sich die bekannten 4K – Kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation, Kollaboration – durch KI verändern. KI kann kreative Prozesse anstoßen und die Zusammenarbeit erweitern, erfordert aber gleichzeitig eine neue Stufe kritischen Denkens. Dieses kritisch-konstruktive Denken wurde von Frau Schneider als Schlüsselkompetenz beschrieben, denn es gilt die KI-Vorschläge zu validieren. Sie ist sich sicher, dass die Kreativität zwar durch unkonventionelle KI-Ideen gefördert werden kann, aber dass die klare Kommunikation die Hauptvoraussetzung für gute Ergebnisse sei.
Die Gefahr der „Denkmüdigkeit“: Teilnehmende diskutierten darüber, ob der zunehmende Einsatz von KI die analytische Urteilskraft und Problemlösefähigkeit messbar stärkt oder eher schwächt – und wie bzw. woran sich diese „Messung“ effektiv überprüfen lässt. Jutta Schneider warnte davor, sich zu sehr auf die Systeme zu verlassen und fragte sich: „Werden wir zu „faul“ selbst nachzudenken?“
KI-gestützter Auswahlprozess: So kann es laufen
Machen wir es praktisch: Stellen wir uns vor, ein Ausbildungsunternehmen hat 60 Bewerbungen vorliegen für zehn Ausbildungsplätze. Um Zeit und Ressourcen zu sparen, sollen diese Bewerbungen zunächst einen KI-gestützten Auswahlprozess durchlaufen. Dabei werden die eingegangenen Unterlagen in einem ersten Schritt analysiert und diejenigen aussortiert, die den Mindestanforderungen nicht entsprechen. Diese werden vom Unternehmen selbst per Prompt festgelegt. Beispielsweise können Bewerbungen aussortiert werden, die besonders viele Rechtschreibfehler enthalten.
Doch hier macht die Neutralität der KI schon die ersten Probleme. Denn aussortiert werden gegebenenfalls auch Kandidatinnen und Kandidaten, die fachlich durchaus geeignet sind, aber vielleicht eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben.
Dieser Schritt könnte also, je nach Ausbildungsberuf und Voraussetzungen, auch übersprungen werden. In einem nächsten Schritt kann die KI dann beauftragt werden, diejenigen Bewerbungen herauszufiltern, die sich zu weit von den definierten Anforderungen entfernen. Anschließend können weitere Prompts erstellt werden, um die Wunschmenge an Bewerbungen zu erhalten – zum Beispiel 15-20.
Die Parameter, die angelegt werden und die Kriterien, nach denen gefiltert wird, legt das Unternehmen selbst fest. So kann beispielsweise die entsprechende Stellenausschreibung inklusive Profil dem Prompt beigefügt werden. Die KI wird beauftragt, das Soll- mit den bestehenden Ist-Profilen zu vergleichen. Genau an dieser Stelle können Unternehmen in die Falle der Diskriminierung tappen – und das unbeabsichtigt. Geben wir beispielsweise in der Stellenausschreibung ein Mindestalter an oder suchen explizit nach Personen, die die deutsche Sprache beherrschen, grenzt die KI alle anderen Bewerbungen automatisch aus. Bei einer Prüfung durch eine reale Person, können andere Stärken, Argumente oder Gründe gefunden werden, die fehlende Kompetenzen gegebenenfalls neutralisieren.
Die Fragen, welche Aufgaben Auszubildende künftig noch ohne KI lösen müssen oder ob geschlechtsspezifisch formulierte Prompts unterschiedliche Ergebnisse erzeugen, blieben offen. Gleichzeitig machten Teilnehmende auch Sorgen und Unsicherheiten sichtbar: Manche befürchteten den Verlust von Wissen, wenn dieses nicht mehr aktiv abgefragt wird, andere berichteten von Hemmungen im Umgang mit KI und davon, dass Lernende häufig weiter seien als sie selbst.
Schneider betonte abschließend, dass gute KI-Nutzung Zeit brauche – sowohl zum Verständnis der Funktionsweise als auch für die richtige Kommunikation. Richtig eingesetzt könne KI jedoch helfen, komplexe Probleme aus neuen Perspektiven zu betrachten. Der Dialog mit der KI sei zudem ein wertvoller Lernweg, der sowohl beim Wissensaufbau als auch bei der Wissensüberprüfung eine wichtige Rolle spielen könne.
Der EU AI Act im Blick der Ausbilderinnen und Ausbilder
Ben Hansen brachte Klarheit in die neue KI-Verordnung und ergänzte den Vortrag demnach um die entscheidende rechtliche Perspektive. Er machte deutlich, welche Bedeutung der EU AI Act speziell für Ausbilderinnen und Ausbilder habe, und zeigte dabei auf, dass sich das Risiko von KI-Anwendungen entlang von drei Dimensionen beurteilen lässt: Interaktion, Bewertung und Auswertung.
Während KI-Systeme, die lediglich mit Menschen interagieren, rechtlich weitgehend unkritisch sind, steigt das Risiko deutlich, sobald sie Menschen bewerten (etwa Leistungen oder Verhalten), insbesondere wenn diese Bewertungen ungeprüft übernommen werden. Am höchsten ist das Risiko dort, wo KI Schlussfolgerungen über Personen zieht und Handlungsempfehlungen ausspricht. Genau in diesem Bereich greift der EU AI Act mit besonders strengen Vorgaben.
Kurz gesagt:
- Interaktion: KI kommuniziert mit Menschen (geringes Risiko)
- Bewertung: KI bewertet Menschen (mittleres Risiko)
- Auswertung: KI empfiehlt Entscheidungen über Menschen (hohes Risiko)
Hansen betonte, dass Vertrauen in KI nur entstehen kann, wenn klare Regeln gelten. Für Ausbilderinnen und Ausbilder bedeutet das, sich aktiv mit den rechtlichen Rahmenbedingungen zu befassen, vor allem wenn KI im Ausbildungsprozess Bewertungen oder Entscheidungen beeinflussen könnte. Die Diskussion zeigte: Vor allem viele Bildungsträger wünschen sich konkrete Tipps zur Umsetzung des EU AI Act und zur DSGVO-Konformität. Hier bleibt noch viel Gesprächsbedarf für kommende Veranstaltungen.
Fazit:
Der Expertenvortrag bot einen gelungenen Bogen zwischen pädagogischen und rechtlichen Rahmenbedingungen: Wie können Ausbilderinnen und Ausbilder KI in der Ausbildung einsetzen – ohne Leichtsinn, aber mit Mut und Wissen?
Einige zentrale Erkenntnisse:
- Kompetenzentwicklung ist kein Nice-to-have, sondern zentral. Nur wer versteht, wie KI arbeitet, kann sie verantwortungsbewusst einsetzen.
- Prompting ist eine Kunst – und ein Lernfeld. Die Art, wie wir mit KI sprechen (Prompting), hat Einfluss auf die Ergebnisse.
- Rechtliche Rahmenbedingungen sind nicht abstrakt, sondern betreffen ganz konkret den Ausbildungsalltag: Beurteilung, Empfehlung, Transparenz.
- Die Lernkultur verändert sich, denn KI kann nicht nur als Tool, sondern als Partner im Lernprozess gesehen werden. Dies gilt für Ausbilderinnen und Ausbilder wie für Auszubildende gleichermaßen.
- Ängste sind real, insbesondere bei Einsteigerinnen und Einsteiger. Diese sollte man ernst nehmen und durch Schulung und Austausch adressieren.
Das bedeutet konkret:
- Weiterbildung nutzen: Zeit nehmen, sich mit KI auseinanderzusetzen: über die Funktionsweise, Tools und Risiken.
- Werkzeuge bewusst auswählen: – Tools (wie z. B. Perplexity), die Quellen liefern, können Vertrauen schaffen.
- Regelwerke verstehen: Der EU AI Act hat Folgen für den Einsatz von KI in der Ausbildung.
- Experimentieren und reflektieren: KI in Lehr-Lern-Szenarien einsetzen, über die Qualität der Ergebnisse reflektieren und das kritische Denken fördern.
- Austausch fördern: Mit Kolleginnen und Kollegen, Ausbildungsverantwortlichen oder anderen Personen über die eigenen Erfahrungen, Sorgen, Erfolge sprechen.
Der Expertenvortrag machte sehr deutlich, dass die KI kein Ersatz für die menschliche Urteilskraft ist, sondern ein Werkzeug, das verantwortungsvoll genutzt werden muss. Dazu bedarf es Kompetenzen, Regeln und eine Portion Mut. Das Expertenteam ist sich einig: KI verändert die Ausbildung grundlegend. Aber sie eröffnet auch Chancen für mehr Individualisierung, neue Perspektiven und bessere Problemlösungen – wenn wir bereit sind, den Wandel aktiv zu gestalten.
Weiterführende Links:
Leitfaden EU AI Act in der Ausbildung
Leitfaden KI-Kompetenzen in der Ausbildung
Checkliste KI in der Ausbildung – Wie gelingt der Einstieg
Fachbeitrag Ausbilden mit KI: Kompetenzen, Frameworks und Checklisten für die Praxis
Empfehlung Jutta Schneider: IT-Fitness - KI für Lehrkräfte
Empfehlung Jutta Schneider: IT-Fitness - KI Grundlagen










