03.03.2026
Dr. Hosenfeld, ist bekannt aus dem SWR-Fernsehen und beschäftigt sich viel mit den Erfolgsfaktoren gelingender Beziehungen. Frau Hosenfeld überträgt Konzepte der Paartherapie auf den Ausbildungskontext, wie die Anwendung der Transaktionsanalyse auf die Ausbildung. Sie erklärt, wie wertschätzende Ausbildung als Beziehungsarbeit gelingen kann.
Frau Dr. Hosenfeld, Sie beschäftigen sich als Paartherapeutin vor allem mit Beziehungsfragen. Was hat das mit der Ausbildung zu tun?
Dr. Annette Hosenfeld (AH): Sehr viel. In der Beziehung zwischen Ausbilder:innen und Auszubildenden wirken dieselben Dynamiken wie in allen anderen zwischenmenschlichen Beziehungen. Es entstehen positive Gefühle wie Stolz oder Begeisterung, aber auch Missverständnisse, Enttäuschungen oder Wut. Diese Gefühle beeinflussen Lernprozesse massiv. Wenn Beziehungsgestaltung vernachlässigt wird, kostet das sehr viel Energie, auf beiden Seiten, und erschwert Entwicklung und Leistung. Wertschätzende Ausbildung heißt daher zuerst Beziehungen bewusst gestalten.
Welche Rolle spielt Kommunikation dabei?
AH: Kommunikation ist die Grundlage jeder Beziehung. Wir kommunizieren immer, auch dann, wenn wir schweigen. Besonders relevant ist, dass nicht der Sender entscheidet, was gesagt wurde, sondern der Empfänger. Das führt im Ausbildungsalltag häufig zu Konflikten, weil Aussagen sachlich gemeint sind, aber auf der Beziehungsebene verletzend ankommen. Deshalb ist es so wichtig, sich der verschiedenen Ebenen von Kommunikation bewusst zu sein und regelmäßig zu reflektieren, wie etwas gesagt wird, nicht nur was.
Sie beziehen sich in Ihrer Arbeit auf bekannte Kommunikationsmodelle. Welche sind für die Ausbildung besonders hilfreich?
AH: Sehr hilfreich ist die Transaktionsanalyse nach Eric Berne. Das Modell hilft zu verstehen, aus welchem „Ich-Zustand“ heraus kommuniziert wird und auf welcher Ebene Missverständnisse entstehen. In der Ausbildung geraten Gespräche oft in Schieflage, wenn Ausbilder:innen unbewusst aus dem so genannten Eltern-Ich sprechen und Auszubildende aus dem Kinder-Ich reagieren. Ziel sollte immer eine Kommunikation auf Augenhöhe im Erwachsenen-Ich sein.
Könnten Sie die „Zustände“ noch einmal erläutern?
AH: Ein Ich-Zustand beschreibt, aus welcher Haltung jemand gerade spricht. Das kann zum Beispiel belehrend, sachlich oder emotional sein. Es gibt in der Transaktionsanalyse drei Zustände:
Eltern-Ich: jemand spricht wie ein Elternteil, zum Beispiel streng oder besserwissend
Kinder-Ich: jemand reagiert emotional, unsicher oder trotzig
Erwachsenen-Ich: jemand spricht ruhig, sachlich und respektvoll
Konflikte lassen sich im Ausbildungsalltag kaum vermeiden. Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend im Umgang damit?
AH: Konflikte sind normal und unvermeidbar, entscheidend ist der Umgang damit. Gefühle sind immer Teil von Konflikten. Werden sie ignoriert, lassen sich Konflikte nicht lösen. Viele Menschen reagieren mit Vermeidung, Anpassung oder Machtkampf. Wertschätzende Ausbildung bedeutet jedoch, Konflikte offen anzusprechen, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu klären und gemeinsam nach tragfähigen Lösungen zu suchen – auch wenn diese für beide Seiten nicht perfekt sind. Das ist eine Fähigkeit, die gelernt werden muss.
Ein zentrales Thema sind auch Grenzen. Warum ist das gerade in der Ausbildung so wichtig?
AH: Grenzen schützen und sie sind Voraussetzung für gesunde Beziehungen. Viele Grenzverletzungen passieren nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Überforderung oder unklarer Kommunikation. Wer seine eigenen Grenzen nicht kennt oder nicht kommuniziert, läuft Gefahr, sich dauerhaft zu überlasten. Gleichzeitig ist es wichtig, die Grenzen anderer zu respektieren. In der Ausbildung braucht es Klarheit darüber, welche Erwartungen gelten, welche Rollen eingenommen werden und wo Verantwortung beginnt und endet.
Was raten Sie Ausbilder:innen ganz konkret für den Alltag?
AH: Ich rate zu einer Haltung von Klarheit und Empathie zugleich. Dazu gehören Ich-Botschaften statt Vorwürfe, aktives Zuhören, Transparenz bei Erwartungen und der Mut zur Metakommunikation, also darüber zu sprechen, wie miteinander gesprochen wird. Außerdem sollten Ausbilder:innen ihre eigene Belastbarkeit ernst nehmen. Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, kann keine wertschätzende Beziehung gestalten. Selbstführung ist die Grundlage jeder Führung.
„Für lange Gespräche fehlt im Alltag die Zeit.“ Wie begegnen Sie diesem Argument?
AH: Das ist nachvollziehbar. Gleichzeitig zeigt aber die Praxis sehr deutlich, dass ungeklärte Spannungen, Missverständnisse oder schwelende Konflikte langfristig deutlich mehr Zeit kosten als ein kurzes, klärendes Gespräch. Wertschätzende Ausbildung bedeutet nicht, zusätzliche Gespräche zu führen, sondern Gespräche bewusster zu gestalten. Oft reichen wenige Minuten Klarheit, um wieder arbeitsfähig zu sein.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
AH: Ein typisches Beispiel ist der Vorwurf: „Der Azubi hält sich nicht an Absprachen.“ Häufig reagieren Ausbilder:innen dann spontan aus dem sogenannten Eltern-Ich, belehrend oder vorwurfsvoll. Die Auszubildenden rutschen ins Kinder-Ich: Rechtfertigung, Rückzug oder Trotz. Das Gespräch eskaliert oder bricht ab. Praxiswirksamer ist es, kurz innezuhalten und aus dem Erwachsenen-Ich zu sprechen, etwa: „Wir hatten vereinbart, dass du dich meldest. Das ist nicht passiert. Was war los?“ Das schafft Raum für Klärung statt Machtkampf.
Was raten Sie, wenn Gespräche emotional kippen?
AH: Hier empfehle ich ganz konkret das STOP-Modell:
Stop – kurz innehalten,
Take a breath – bewusst atmen,
Observe – wahrnehmen, was innerlich passiert,
Proceed – erst dann weitersprechen.
Das dauert oft nur Sekunden, verhindert aber impulsive Reaktionen, die später schwer zu reparieren sind. Gerade im Ausbildungsalltag ist diese Selbststeuerung ein zentraler Erfolgsfaktor.
Wie kann wertschätzendes Grenzenziehen konkret klingen?
AH: Zum Beispiel so:
„Ich merke, dass mich diese Situation gerade unter Druck setzt. Ich brauche einen Moment, um klar zu bleiben. Wir sprechen später weiter.“
Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern professionelle Selbstführung. Gleichzeitig lernen Auszubildende: Gefühle und Grenzen dürfen benannt werden – ohne Eskalation.
Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Hebel für eine wertschätzende Ausbildungskultur?
AH: Selbstreflexion. Wer ausbildet, führt – und Führung beginnt immer bei sich selbst. Eigene Trigger kennen, Warnsignale ernst nehmen und Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen: Das ist die Grundlage für gelingende Ausbildung. Wenn Klarheit, Respekt und Menschlichkeit zusammenkommen, entsteht eine Ausbildungskultur, von der alle profitieren.



