02.01.2026

Wertschätzung ist kein Zusatz, sondern die Grundlage gelingender Ausbildung. Im Interview spricht Dr. Claudia Zecher darüber, warum Ausbildung immer eine Beziehungssituation ist und wie Wertschätzung als gelebte Haltung Lernprozesse, Motivation und Verantwortung stärkt. Anhand konkreter Beispiele zeigt sie, wie Haltung durch Struktur wirksam wird und weshalb Ausbildungskultur bewusst gestaltet werden muss.

 

Frau Dr. Zecher, Sie beschäftigen sich ja unter anderem mit der Frage, wie Ausbildung gelingen kann. Warum spielt Wertschätzung dabei eine so zentrale Rolle?

Claudia Zecher (CZ): Weil sie die Grundlage für alles ist, was Lernen und Entwicklung möglich macht. Ausbildung ist eine Beziehungssituation – zwischen jungen Menschen, Ausbilder:innen und dem System, in dem sie arbeiten. Wenn sich Menschen gesehen, sicher und gemeint fühlen, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist der Boden, auf dem Motivation wächst. Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder: Wertschätzung muss als zentraler Wert strukturell verankert sein. Aus dieser Verankerung entsteht Haltung – und diese Haltung prägt den Umgang miteinander. So wird Wertschätzung spürbar zum Beispiel in Sprache, in Entscheidungen und im täglichen Miteinander.

 

Wie kann man Wertschätzung im Ausbildungsalltag konkret leben?

CZ: Wertschätzung wird vor allem als eine Haltung gelebt und kultiviert, dafür braucht es Strukturen. Bei VIAMEA Lead arbeiten wir mit dem 5-Säulen-Modell der Wertschätzung (Grafik) – das zeigt, wie sich Haltung und Struktur verbinden lassen. Zum Beispiel mit der ersten Säule: Würde und Sicherheit. Ein junger Mensch muss spüren dürfen: Ich darf Fehler machen. Ein Ausbilder in einem Handwerksbetrieb macht das wunderbar – er fragt jeden Freitag sein Team: „Was war euer Lernmoment der Woche?“

Da geht es also nicht um Fehler, sondern ums Lernen. Eine weitere Säule ist Gerechtigkeit und Transparenz. Junge Menschen wollen verstehen, nach welchen Maßstäben sie beurteilt werden. Eine Ausbilderin in einem Industriebetrieb hat das so gelöst: Sie hat mit ihrer Gruppe gemeinsam erarbeitet, was „Teamfähigkeit“ oder „Eigeninitiative“ konkret bedeuten.

Seitdem gibt es viel weniger Missverständnisse – und mehr Vertrauen.Und dann geht es natürlich auch um Autonomie und Mitgestaltung. Wenn Azubis merken, dass ihre Ideen zählen, verändert sich alles. In einem Hotelbetrieb dürfen die Auszubildenden eigene Social-Media-Beiträge gestalten. Das stärkt nicht nur Verantwortung, sondern macht auch stolz.

Das klingt sehr praxisnah. Wie erleben Sie die Wirkung, wenn Betriebe so arbeiten?

CZ: Die Veränderungen sind oft erstaunlich. Wenn Ausbilder:innen beginnen, Fortschritt sichtbar zu machen – das ist die vierte Säule: Kompetenz und Wirksamkeit – verändert sich die ganze Lernkultur. Ein Betrieb nutzt zum Beispiel eine kleine Wandtafel: Jede Woche notieren die Azubis drei Dinge, die sie gelernt oder besser verstanden haben. Das dauert in Summe vielleicht fünf Minuten, aber es macht Entwicklung sichtbar – und das stärkt Selbstvertrauen. Und schließlich die fünfte Säule: Zugehörigkeit und Verbindung. Ausbildung ist immer auch Sozialisation. In einem Betrieb, mit dem ich arbeite, gibt es jeden Montag einen kurzen Team-Check-in, bei dem jeder sagen darf, worauf er sich in der Woche freut oder was Unterstützung braucht. Das klingt banal – aber es verändert, wie man miteinander umgeht.

Diese fünf Säulen bilden den Rahmen, in dem Wertschätzung lebendig wird. Sie helfen Unternehmen, sie nicht nur zu fordern, sondern zu ermöglichen.

Viele Ausbilder:innen fühlen sich ohnehin stark gefordert. Wie können sie Wertschätzung leben, ohne sich überfordert zu fühlen?

CZ: Das ist ein wichtiger Punkt. Wertschätzung darf kein zusätzlicher Anspruch sein, sondern im besten Fall eine Entlastung. Wenn Beziehungen klar und respektvoll sind, gibt es weniger Konflikte und Missverständnisse, das ist zum Beispiel ein Vorteil. Aber auch Ausbilder:innen brauchen selbst Wertschätzung. Sie tragen große Verantwortung, oft zwischen fachlichen und pädagogischen Erwartungen. Deshalb beziehe ich in meiner Arbeit immer auch die Führungsebene mit ein. Wertschätzung kann nur funktionieren, wenn sie systemisch gedacht ist – sie muss strukturell ermöglicht werden, nicht nur individuell gelingen.

Wie unterstützen Sie Unternehmen konkret mit VIAMEA Lead?

CZ: Ich arbeite mit Unternehmen, Ausbilder:innen und Bildungsträgern daran, Ausbildungskultur ganzheitlich zu gestalten – mit Haltung, Struktur und Methode. Das kann ein gemeinsamer Workshop, ein Leitbildprozess mit der Geschäftsführung oder ein Coaching sein, in dem wir die Rolle der Ausbildenden reflektieren und stärken.

Wir arbeiten immer praxisnah: Gemeinsam entwickeln wir Tools, die bleiben – Leitfäden, Check-ins, kleine Rituale oder Reflexionsfragen, die sich im Alltag bewähren. Viele der Beispiele, die ich vorhin genannt habe, sind genau so entstanden: aus realen Situationen, in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Ich bringe Erkenntnisse aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Feldern zusammen und übersetze sie – immer in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort – in Lösungen, die im Alltag wirken.

Was wünschen Sie sich für die Ausbildung der Zukunft?

CZ: Ich wünsche mir, dass Ausbildung wieder als gemeinsamer Entwicklungsraum gesehen wird – nicht als Durchlaufstation. Ein Ort, an dem junge Menschen sich ausprobieren dürfen, und an dem Ausbilder:innen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, um diese Aufgabe gut zu gestalten.

Ich wünsche mir zudem, dass Unternehmen die Ausbildung wieder als Teil ihrer gesellschaftlichen Verantwortung verstehen. Und das die Unternehmen, die dies schon so engagiert tun, wertgeschätzt und politisch unterstützt werden. Wer jungen Menschen Zeit, Vertrauen und Aufmerksamkeit schenkt, stärkt nicht nur den eigenen Betrieb, sondern auch das, was uns alle verbindet: eine Kultur des Lernens und der gegenseitigen Achtung.

Denn Ausbildung ist mehr als Fachvermittlung. Sie ist Beziehung, Orientierung – und oft der erste Ort, an dem junge Menschen erfahren, was es heißt, gebraucht zu werden. Ausbildung gestaltet Zukunft – und junge Menschen verdienen eine gute.

Herzlichen Dank für das Interview.
Das Interview führte Dr. Wolfgang König.

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