02.01.2026

Was in eingespielten Teams funktioniert, wird für Auszubildende schnell zum Rätsel. Diese Kneipengeschichte zeigt, wie Insidersprache die Ausbildung erschweren und warum klare Arbeitsanweisungen eines der wichtigsten pädagogischen Werkzeuge sind. Mit sieben praxisnahen Tipps erfahren Ausbilderinnen und Ausbilder, wie sie Missverständnisse vermeiden, Sicherheit schaffen und Lernprozesse nachhaltig verbessern. 

Warum langjährige Routine nicht automatisch verständlich ist

Ich arbeite nebenberuflich in einer kleinen Dorfkneipe, die schon sehr lange in Familienhand ist. Diese kleine Kneipe gehört zu unserem Leben wie der Geruch von frisch gezapftem Bier oder das Klirren der Gläser. Wir machen das „seit 1806“, sagen wir lachend- und das ist tatsächlich auch eine Herausforderung.  

Denn nach so vielen Jahren läuft alles wie von selbst. Jeder Handgriff sitzt, jeder und jede weiß, was mit „Mach mal einen!“ gemeint ist. Niemand muss lange überlegen, welche Lichter abends für Gemütlichkeit sorgen, wo die „dunkle Kammer“ mit dem Getränkevorrat ist oder wie der Bierdeckel richtig beschriftet wird. Für uns ist das selbstverständlich. Für neue Kolleginnen und Kollegen oder externes Personal ist es oft pures Rätselraten. 

Diese Selbstverständlichkeit, die sich über Jahre einschleicht, ist letztlich Insidersprache. Und sie zeigt sich nicht nur in der Gastronomie, sondern in fast jedem Betrieb. 

Wenn Insidersprache zum Rätsel wird

Freitagabend, volles Haus, Emotionen am Siedepunkt. Meine Tante, die Köchin, ruft quer durch die Küche: 

„Hol mal schnell das Ding aus dem Dings! Und beeil‘ dich!“ 

Ich starre sie an. Ich habe keine Ahnung, was sie meint. Sie will die Brennpaste für die Speisenwärmer- die kleinen Flammen, die das Buffet warmhalten. Ich aber sehe Töpfe, Dosen und Flaschen- alles könnte „das Ding“ sein. 

Diese Szene ist lustig, wenn man sie von außen betrachtet. Aber sie zeigt, wie selbstverständlich Sprache in vertrauten Teams funktioniert- und wie schnell sie scheitert, sobald jemand Neues dazukommt. Über die Jahre haben wir unsere eigene Kneipensprache entwickelt. Das ist praktisch, solange man dazugehört. Aber für alle anderen ist es wie ein Geheimbund mit eigenem Code. Für uns ist das alles alltäglich. Für Neue ist es Chaos pur.

Was eine Kneipe über Ausbildung verrät

Viele Ausbilderinnen und Ausbilder erleben dasselbe Phänomen: 
Die Anweisung ist für sie völlig klar- schließlich haben sie die Aufgabe schon hundertmal erklärt. Doch der oder die Auszubildende versteht etwas anderes. Das liegt selten am Wollen, sondern meist an der unklaren Sprache. 

Was in der Kneipe die „Brennpaste aus dem Ding“ ist, ist in der Ausbildung vielleicht der „übliche Ablauf“, „das machen wir immer so“ oder „das musst du einfach wissen“. Diese Formulierungen setzen stillschweigend voraus, dass andere dieselbe Erfahrung, Sprache und Routine teilen. Aber genau das ist in der heutigen Ausbildung selten der Fall. 

Vielfalt braucht klare Arbeitsanweisungen

In vielen ausbildenden Betrieben arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen, Lernvoraussetzungen und Erfahrungen. Die Teams sind vielfältig- und das ist ein Gewinn. Doch Vielfalt braucht Klarheit. Denn Sprache ist das Bindeglied, das Verständnis und Sicherheit schafft. 

Wenn Arbeitsanweisungen nicht verstanden werden, entstehen Missverständnisse, Unsicherheit und Fehler. Für Auszubildende bedeutet das oft: Sie fühlen sich überfordert oder handeln lieber gar nicht, als etwas falsch zu machen. Für Ausbilderinnen oder Ausbilder heißt das: mehr Nachfragen, mehr Wiederholungen, mehr Stress. Klare Arbeitsanweisungen sind deshalb weit mehr als nur eine kommunikative Nettigkeit- sie sind ein pädagogisches Werkzeug.  

7 Tipps aus der Gastronomie

Die Notwendigkeit für klare Anweisungen lassen sich wunderbar aus der Gastronomie übertragen. Denn ob hinter der Theke oder in der Werkhalle- am Ende geht es immer darum, dass Menschen sich verstehen, Aufgaben sicher ausführen und voneinander lernen. 

Darum folgen hier 7 Tipps aus der Gastronomie, die dir im Umgang mit den Azubis helfen können. 

1. Meinen ist nicht Sagen: 

Ich sage: „Mach das Bier mal richtig voll!“ 
Ich meine: „Nur bis zum Eichstrich, damit Platz für die Schaumkrone bleibt.“ 
Der Kollege füllt bis zum Rand. Ergebnis: Schaumchaos und nasse Hände. 

Es ist wichtig genau zu sagen, was gemeint ist. Fachbegriffe, Routinen oder „das Übliche“ helfen niemandem, der sie nicht kennt. 

2. In Schritten formulieren - wie in einem Rezept: 

Mein Vater erklärt Abläufe oft in einem Atemzug: 
„Bevor du das Fass wechselst, musst du erst das alte zumachen, dann abdrehen, dann das neue rein, aber Vorsicht beim Druck…“ 

Nach dem zweiten Halbsatz weiß niemand mehr, wo man anfangen soll. Schritt für Schritt erklären, wie im Kochbuch, hilft Fehler zu vermeiden. 

3. Zeigen unterstützt Worte: 

Wir wollten einer neuen Aushilfskraft das Zapfen beibringen. 
Nach fünf Minuten Erklären war der Tresen voller Bier und das Bierglas voller Schaum.  
Beim zweiten Versuch habe ich es einfach vorgemacht und genau erklärt, was ich tue und warum. Für mich ist klar, warum ich das Glas so schräg wie möglich halte, damit es nicht überschäumt. Für die Aushilfe nicht. Dann durfte sie es selbst ausprobieren - auf ihre Weise. Genau so entsteht Lernen: beobachten, verstehen, ausprobieren.  

4. Insidersprache übersetzen: 

„Pack‘ das in die Schneewittchenkasse!“- ergibt für uns Sinn, weil das unsere Trinkgeldkasse ist. Für unsere neue Kollegin klingt das nach einem absurden Märchen. Auch in Betrieben gibt es unzählige Fachbegriffe, Kürzel oder Routinen, die für Außenstehende unverständlich sind. Wer sie erklärt, öffnet die Tür zum Mitmachen. 

5. Nachfragen ist kein Störfaktor: 

Ein Kollege fragte mich einmal mitten im Stress: 
„Soll ich erst zapfen oder erst die Gläser holen?“ 
Ich war im Begriff, genervt zu reagieren, habe dann aber gemerkt: Lieber einmal zu viel gefragt als zehnmal falsch gemacht. 

Nachfragen zeigt Interesse und Verantwortungsbewusstsein, keine Unfähigkeit. 

6. Feedback macht Sprache bewusster: 

Nach einem chaotischen Abend fragte ich mein Team: 
„Was war heute am unklarsten?“ Eine Aushilfe sagte: „Ich wusste nicht, welches Licht das ‚richtige‘ ist.“ Seitdem hängt ein kleiner Zettel an der Wand: „Abends: Lichter 1, 3, 5 – gemütlich!“ Feedback zeigt, wie andere Anweisungen wirklich verstehen.  

7. Geduld ist Teil des Lernprozesses: 

Manchmal erkläre ich denselben Ablauf dreimal. Früher hat mich das genervt. Heute denke ich: Besser dreimal klar als einmal unklar. 

Geduld schafft Sicherheit und Vertrauen auf beiden Seiten. Klare Sprache spart Zeit, Nerven und Missverständnisse. Wenn alle wissen, was mit „dem Ding aus dem Ding“ gemeint ist, läuft’s in der Kneipe oder in einem anderen Unternehmen einfach besser. Mein Tipp: Beobachte! Wo verwendest du selbst im Ausbildungsalltag unklare Formulierungen wie „das Übliche“, „wie immer“ oder „du weißt schon“? Und was passiert, wenn du stattdessen konkret formulierst? Eventuell werden viele Missverständnisse verschwinden und die Zusammenarbeit läuft plötzlich flüssiger, wie ein frisch gezapftes Bier. 

Warum das mehr ist als eine Kneipengeschichte

Insidersprache entsteht nicht plötzlich – sie schleicht sich ein. Sie wächst dort, wo Abläufe zur Routine werden und Erklärungen überflüssig erscheinen, weil „doch alle wissen, wie es gemeint ist“. In der Kneipe erlebe ich das jedes Wochenende. Und in der Ausbildung ist es nicht anders: Je erfahrener Ausbilderinnen und Ausbilder sind, desto größer wird die Gefahr, dass Wissen stillschweigend vorausgesetzt wird – mit Folgen für Verständnis, Sicherheit und Lernprozesse.  

Klare Sprache ist deshalb eines der wirksamsten Werkzeuge in der Ausbildung. Sie macht Anweisungen nachvollziehbar, schafft Orientierung und reduziert Unsicherheit. Wer bewusst formuliert, nachfragt und Routinen erklärt, statt sie vorauszusetzen, öffnet den Zugang zu Wissen  und ermöglicht Lernen auf Augenhöhe für alle. 

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