31.12.2025

Fachbegriffe, Redewendungen, Dialekte: Sprache am Arbeitsplatz ist komplex – besonders für internationale Auszubildende. Im Interview mit Hanna Schubert (HS) und Selene Geber (SG) von der DaZU GbR rechen wir darüber, warum sprachliche Förderung keine Privatsache der Azubis ist und wie Ausbildungsbetriebe Verantwortung übernehmen können.

 

Man merkt, ihr habt diese Frage nicht zum ersten Mal beantwortet. Warum ist Deutsch am Arbeitsplatz – gerade im Ausbildungsbetrieb – für euch so ein wichtiges Thema?

SG: Wir begleiten schon seit vielen Jahren beruflich Migrant:innen. Gespräche mit ihnen und Ausbildungsbetrieben zeigen, dass die Kommunikation nicht immer reibungslos funktioniert. Ressourcen oder Know-How fehlen, um die Azubis sprachlich zu unterstützen. Es kann wegen Verständigungsproblemen leicht zu Missverständnissen kommen, die dann Verzögerungen oder Fehler im Arbeitsablauf verursachen.

Die Unternehmen sind willens, das anzugehen und auch sprachlich zu unterstützen, aber ihnen fehlen oft die Ressourcen. Diese Lücke schließen wir und steigern damit auch die Arbeitgeberattraktivität für Ausbildungsunternehmen. Sprachliche Förderung erhöht auch die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Prüfungsabschluss. Damit tragen wir dann eben auch zur Fachkräftesicherung bei.

Ihr sagt, Sprache darf nicht allein dem Engagement der Azubis überlassen werden. Warum trägt hier auch der Betrieb Verantwortung?

HS: Wenn man einen neuen Job beginnt, ist das immer eine Herausforderung, egal ob als Azubi oder als berufserfahrene Person. Das Thema Sprache kommt dann für zugewanderte Azubis immer noch on-top. Man muss sich nicht nur fachlich neu einfinden, sondern dann noch zusätzlich die Sprachbarrieren überwinden. Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass die jungen Menschen sich problemlos nebenbei sprachlich fortbilden. Die Unternehmen sollten sich klar machen, dass das kein Selbstläufer ist und den Azubis dort eben Angebote machen, damit sie nicht überfordert sind.

Welche Möglichkeiten gibt es, das ganze Team mitzunehmen, wenn es um sprachliche Integration geht?

HS: Das kommt erstmal auf den Zeitpunkt an, wann man sich als Unternehmen oder Team sprachlich besser aufstellen möchte. Ist das schon während der aktiven Anwerbungsphase von ausländischen Azubis? Ist das zum Zeitpunkt der Einstellung neuer Azubis, oder ist das, wenn internationale Azubis bereits eine Zeit lang im Betrieb sind?

Ob als Vorbereitung oder in der Reflexion: Es ist durchaus sinnvoll sich im Team Gedanken zu machen: Wie sprechen wir hier überhaupt? Was erwarten wir von den Azubis? Was sollten sie in ihrer Tätigkeit sprachlich leisten können? Was können wir in der Teamkommunikation anders machen? Wie ist der Arbeitsplatz gestaltet? Gibt es die Möglichkeit, verstärkt mit Visualisierungen zu arbeiten und viele weitere Fragen. Alles mit dem Ziel: Wie halten wir das Frustpotenzial von Beginn an so niedrig wie möglich? Und dann natürlich auch die Frage, wie Weiterbildungen, Trainings oder Deutschkurse helfen können.

Habt ihr ein Lieblingswort oder Sprichwort in der deutschen Sprachen - vielleicht auch eins welches häufig Verwirrung in euren Sprachkursen stiftet?

SG: [lacht] Handschuh! Wir benutzen es so oft, denken aber selten darüber nach wie absurd dieses Bild ist, dass man sich einen Schuh auf die Hand setzt.

HS: Also ich denke da vor allem an Redewendungen, die sich nicht sofort erschließen. „Das habe ich auf dem Schirm“ oder „Hier müssen wir Nägel mit Köpfen machen“. Da ist es gar nicht so einfach dort eine gut verständliche Alternative zu finden.

Tim Scharf: Da passt dann auch wieder euer Beispiel mit der Mundspülung und dem Spülmittel.

Der Sprachgebrauch am Arbeitsplatz ist voll mit Fachbegriffen, Abkürzungen und persönlichen Einflüssen wie Dialekten. Was sind eure Tipps für Ausbildungsunternehmen, wie dort eine gute Balance zwischen authentischer und sprachsensibler Ausbildung gelingen

HS: Ja, hinter der Frage steht so ein bisschen die Sorge, dass man sich verstellen muss. Sprache ist individuell und prägt die Identität. Verbiegen ist da grundsätzlich keine gute Sache. In sicherheitsrelevanten Situationen ist eine gute und klare Kommunikation dagegen zwingend. Da ist es schon sinnvoll, dass man die klare Verständigung im Fokus hat, um zu gewährleisten, dass Informationen auch wirklich korrekt und eindeutig übermittelt wurden.

In hektischen Situationen preschen meist die Personen mit den besseren Sprachkenntnissen oder dem Erfahrungswissen vor. Wichtig ist dann, solche Situation mit dem Azubi nachzubesprechen, um sicherzustellen, dass der Azubi alle relevanten Informationen verstanden hat.

In Pausengesprächen wiederum ist dann auch der Moment, wo die Entspannung im Vordergrund stehen kann. Da muss der nicht muttersprachliche Azubi auch nicht zu jedem Zeitpunkt mitgenommen werden.

SG: Es gibt natürlich auch einfache Tipps, um “klarer” zu sprechen: Beispielsweise mehr Verben als Substantive zu verwenden. Den eigenen Sprachgebrauch zu verstellen ist aber nicht immer sinnvoll, da bei Kunden- oder Patientenkontakt die Azubis auch auf Menschen treffen, die Dialekt sprechen. Das sollte auch mit bedacht werden.

Ihr bietet die passenden Angebote für Unternehmen, die auf der Suche nach externer Unterstützung sind: Was sind drei Argumente, warum Ihr der richtige Partner seid?

SG: Die Vorbereitung ist für uns extrem wichtig. Wir legen nicht sofort los, sondern haben einen ganzheitlichen Blick auf den Status Quo an. Welche Ressourcen bringt das Unternehmen und auch die einzelnen Mitarbeiter:innen mit? Was ist das Ziel? Dann entscheiden wir gemeinsam, welche Maßnahme sich eignet, ob das Sprachkurse, ein Sprachmentoring oder Teamworkshops sind.

Außerdem haben viele Betriebe die Erfahrung gemacht, das geförderte Maßnahmen bürokratisch und aufwendig sind, da arbeiten wir flexibler und schneller.

Wenn ihr euch etwas mit Bezug auf Spracherwerb am Arbeitsplatz wünschen könntet - was wäre das?

HS: Ich würde mir wünschen, dass sprachliche Weiterbildung den gleichen Stellenwert wie fachliche Weiterbildung bekommt. Fachliche Schulungen finden ganz selbstverständlich während der Arbeitszeit statt[H1.1] und werden von der Firma bezahlt. Das ist beim Thema Sprache leider noch nicht so und gerade bei Azubis führt diese Doppelbelastung mit Ausbildung und sprachlicher Weiterbildung nach der Arbeit schnell zu Überforderung.

SG: Ich würde mir wünschen, dass die Verantwortung nicht auf den Azubi übertragen wird, sondern dass es als Gesamtaufgabe des Unternehmens gesehen wird.

Herzlichen Dank für das Interview und die Einblicke.
Das Interview führte Tim Scharf.

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